Ein Blick hinter die Kulissen des Büros für Bildpflege.

November 2019

 

 

Seit einigen Jahren gerät der Kunstinteressierte, wenn er nachts das Haus verlässt, immer öfter in illuminatorische Themennächte. Diese scheinen eine für alle Beteiligten gewinnbringende Sache zu sein: für die Bürger, denen es gefällt, die Orte ihrer Stadt einmal in anderer Erscheinung zu sehen, für die Kommunen, die sich davon einen unique selling point im Städteranking versprechen (dürfen), und für die Künstler, die sich zu solchen Anlässen einer vermutlich ungewohnten Nachfrage nach Kunst gegenübersehen.

Nicht zuletzt ist alles, was mit Licht zusammenhängt, aber natürlich auch für den Fotografen interessant, weswegen ich mich sehr gefreut habe, als Barbara Engelhard mich damit beauftragt hat, ihre im Rahmen einer solchen Nacht zu sehende Arbeit "A sparkling stream - for you and me" zu dokumentieren.

 

Die Besucher der Aktion, die eingeladen waren, eines von insgesamt 2000 illuminierten Schiffchen zu Wasser zu lassen und es im Anschluss an die Veranstaltung mit nach Hause zu nehmen, bewiesen hierbei übrigens ein großes Gespür für Prioritätensetzung: die Lämpchen wurden alle fein säuberlich herausoperiert und die Schiffchen vor Ort zurückgelassen.

 

Wir haben sie dann noch entsorgt.


Extensiver Anstandsexzess

 

Im Strafrecht gibt es den sogenannten Notwehrexzess. Der meint die Situation, dass ein Angegriffener unter den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zur Abwehr des Angriffs nicht dasjenige wählt, welches den geringsten Schaden auf Seiten des Angreifers verursacht. Wenn also jemand ungefragt mit Aneignungsabsicht mein Fahrrad ausleiht dürfte ich, wollte ich straffrei bleiben, nicht gleich auf ihn schießen, wenn es noch andere, mildere, Möglichkeiten eines Einschreitens gäbe, zB ein Festhalten.

 

Ein solcher Notwehrexzess bleibt aber dann straffrei, wenn der Angegriffene die gebotenen Grenzen der Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken überschreitet. In den Genuss der Straffreiheit kann der Angegriffene dabei sogar noch kommen, wenn der Angriff auf ihn bereits abgeschlossen war: man spricht bei solchem Geschehen vom "extensiven Notwehrexzess".

Prompt hämmerte es also gegen die Tür und der Subtext dieses Hämmerns war kein höfliches "Ist hier frei?" sondern ein deutliches "Aufmachen, aber pronto!"  Da meine Fluchtmöglichkeiten begrenzt waren öffnete ich schließlich die Tür und sah mich zwei Carabinieri gegenüber, die ganz offensichtlich auf der Suche nach Jemandem waren.

So etwas ähnliches sagte ich dann schließlich auch, nachdem mir klar geworden war, dass ich nicht der Gesuchte bin: "Scusi."

 

Ein extensiver Anstandsexzess.

Ich war gerade dabei, mir die Zähne zu putzen, als es laut gegen die Tür hämmerte. Ich erschrak. Nicht, weil ich mir die Zähne putzte, sondern weil ich dies an einem Ort tat, an dem ich es genau genommen gar nicht durfte. Dieser Ort befand sich mitten in den Alpen, genauer gesagt in einem Nachtzug zwischen Venedig und Wien, und noch genauer gesagt in einem Badezimmerabteil, das eigentlich den Fahrgästen des Schlafwagens zugedacht war, während ich nur Reisender im Liegewagen war. Die Nasszellen im Liegewagen sprachen mich aber in puncto Größe, Ausstattung und Komfort nicht so an wie die im Schlafwagen, weswegen ich meine Morgentoilette also kurzerhand dort verrichtete. Man hat ja einen Ruf zu verlieren.

Nun suchte mein aufgescheuchtes und aufgrund der Uhrzeit (sieben Uhr nachts) sowie der nächtlichen Reise doch etwas langsames Gehirn nach etwas, das es sagen konnte, um der Situation gerecht zu werden, vielleicht etwas in der Art von

 

"Werte Signori Carabinieri, ich habe zweifellos Verständ-nis für die nicht immer angenehmen Situationen, in die Andere zu bringen Teil Ihres sicherlich anstrengenden und gefährlichen, gleichwohl doch auch für uns alle so wichti-gen Berufsalltags ist, weswegen ich Ihnen die unsensible Störung meiner Morgentoilette im Allgemeinen sowie den stattgefunden habenden Überfall in seiner konkreten, möglicherweise übertriebenen, Intensität nachzusehen gedenke."


Oktober 2019

 

Eine schöne Überraschung bereitete dem Büro für Bildpflege Anfang Oktober Kurt Hentschläger in Form einer e-mail aus Amerika, sowas ist ja immer aufregend.

 

Hentschläger hatte der Redaktion der Double zur Illustration eines Artikels von ihm Aufnahmen zur Verfügung gestellt, die ich für ihn auf dem Internatio-nalen Figurentheaterfestival 2019 von seiner Arbeit

SOL angefertigt habe.

 

SOL war eine faszinierende Installation, ein Ganzkörper-erlebnis. Die Besucher wurden - nachdem sie alles, was hätte leuchten können, am Eingang abgeben mussten - 200 Meter tief in den Erlanger Burgberg geführt. Dort, in absoluter Dunkelheit also, wurden sie in einer Halle Lichtimpulsen kombiniert mit Soundelementen, ausgesetzt. Die verschiedenen, in unregelmäßigen Abständen die Dunkelheit zerreißenden Formen und kurzen Sequenzen entwickelten einen ungeahnten Nachhall im Gehirn und sorgten für eine einzigartige Erfahrung.

 

Eine dieser Aufnahmen hat es dann prompt auf die Titelseite geschafft. Große Freude im Büro.


September 2019

 

Die Badstraße 8 ist ein kleiner, feiner und überaus lieblich gelegener Offspace in Fürth, der Kunstinteressierten

Ausstellungen, Filme, Performances oder Konzerte bietet.

Alle zwei Jahre versucht die dortige Gruppenausstellung Standortbestimmung, ihrem Publikum einen Einblick in diesem Ort auf irgendeine Weise verbundene künstlerische Positionen zu geben und auch ich war diesmal schönerweise dazu eingeladen.

Dies geschah weniger um dem Urheberrechtsgesetz Bauchschmerzen zu bereiten (auch wenn das eine schöne Vorstellung ist) als vielmehr um sich selbst und Anderen Fragen nach dem Entstehungsprozess von Fotografien und auch dem Verhältnis von Objektivität und Subjektivität zu stellen.

 

Denn die Ansicht des UrhG, dass Urheber ist, wer den Auslöser drückt, mag im Gerichtsalltag sehr praktikabel sein, ob sie allerdings bei genauerer Betrachtung so auch wirklich stimmt ist eine Frage, über die man schon mal nachdenken kann.

Konzeptionell ist man als Teilnehmer der Standort-bestimmung sehr frei, da es - abgesehen von dem erwähnten - kein über-geordnetes Konzept gibt. Das

ist Fluch und Segen zugleich.

 

Letztlich führte das (unter anderem) zur Präsentation von vier Arbeiten in "überschneidender Autorenschaft" mit der Kollegin Lucia Hufnagel. Die Urheberschaft der vier inhaltlich und formell aufeinander Bezug nehmenden Aufnahmen, die alle in einer Nacht entstanden waren, wurde aufgehoben und offen gelassen.


August 2019

 

Das Woodstock Festival war zweifellos eine große Sache. 400000 Besucher, Höhepunkt der Hippiebewegung, Statement einer ganzen Generation und ein Mythos, der bis heute nicht an Strahlkraft verloren hat.

Klar allerdings ist: so etwas wie Woodstock gibt es nicht alle Tage. Als daher am 15. August - auf den Tag genau 50 Jahre nach Eröffnung des legendären Festivals - in Nürnberg die sehr gelungene Ausstellung "50 Years Woodstock" mit 160 Fotografien des offiziellen Festivalfotografen Elliott Landy eröffnet wurde schwang ich mich freudig erregt aufs Rad: denn was könnte ein Fotograf sich mehr wünschen an diesem Tag, als genau diese Ausstellung zu fotografieren?

Wie jeder anständige Mythos lässt auch Woodstock unterschiedliche Deutungen zu. Für die einen war es der Höhepunkt einer Bewegung, die eine ganze Generation auf die Straße gebracht hat gegen Krieg und Ausbeutung und für die körperliche und geistige Befreiung von allen Zwängen. Für die anderen war es dagegen nicht viel mehr als eine willkommene Investitionsmöglichkeit für "young men with unlimited capital" (so die Selbstbeschreibung der beiden Kapitalgeber Rosenman und Roberts in einer Anzeige im Wall Street Journal).

Kollege Landy, der sich seinerzeit mit einer Nikon, einer Leica und 52 Kleinbildfilmen auf den Weg nach Woodstock und damit zu vermutlich ungeahnter Berühmtheit gemacht hatte, war an diesem Abend dann auch persönlich anwesend und erzählte dem Publikum ein bisschen davon, wie das damals alles so gewesen war, backstage mit Janis und Jimi und Joan.

 

So kann es gehen: inzwischen muss Landy also selbst auf die Bühne. Er scheint sich aber schon daran gewöhnt zu haben.


Juni 2019

 

Abenteurlustig ist ein schönes Wort. Steht die Möglichkeit eines Abenteuers ins Haus, lasse ich mich in der Regel nicht lange bitten.

 

Abenteuer lassen sich angeblich definieren als risiko- oder wenigstens erlebnisreiche Unternehmungen, die sich stark vom Alltag unterscheiden. Und wer wäre nicht gern ein Abenteurer?

 

Da gibt es ja komplette Branchen, die mit diesem topos für sich werben, zB das Soldatentum. Ganze Kriege wurden mit dem Abenteuerversprechen wenn nicht ermöglicht (aber wer weiß?), so doch positiv aufgeladen. Die Grenzen zwischen Pfadfinderei, Auswärtsspiel und Ostfeldzug sind fließend. Und auch das Verhältnis von Krieg und Fotografie wäre sicher einmal wert, näher untersucht zu werden. Doch nicht heute.

Virgo maris, so der Titel der Arbeit, war später im Rahmen der Ausstellung Rroooaaarr! für einige Monate im Blauen Salon des Tiergartens zu sehen.

 

Und genau wegen solcher Abenteuer liebe ich das, was ich tue, denn in welchem Job hat man sonst die Möglichkeit, echte Meerjungfrauen kennen zu lernen? Denn ja: sie war echt.

Im ursprünglichen Verständnis jedenfalls verstand man unter einem Abenteuer - bzw. seinerzeit noch einer Aventiure - eine ernsthafte Unternehmung mit kultureller Bedeutung, unterfüttert von einem hohen ethischen Anspruch.

 

That´s more like it! denkt da der Fotograf, packt seine Tasche und macht sich auf ins Delfinarium des Nürnberger Tiergartens, wo Anna Poetter für einen Videodreh kurzerhand eine Meerjungfrau im Becken platziert hat.


In dieser Rubrik will ich versuchen, einen kleinen Einblick in das zu geben, was hinter den Kulissen des Büros für Bildpflege passiert.